Medienmitteilung Lockerungen Juni 2020

Medienmitteilung vom 27. Mai 2020

Defensiv agieren statt offensiv reagieren – VChN empfiehlt keine Wiederaufnahme von Choraktivitäten bis Mitte August 2020.

Sehr geehrte Damen und Herren

Liebe Kolleginnen und Kollegen

Der Bundesrat hat in der heutigen Pressekonferenz per 8. Juni 2020 weitere Lockerungen der COVID-Verordnung 2 vom 13. März 2020 beschlossen. Ich möchte Sie zunächst bitten, mir einige Zeilen für ein paar allgemeine Gedanken zuzugestehen zur Situation der COVID-19-Pandemie, die für Akteurinnen und Akteure der Chorwelt speziell herausfordernd ist.

Allgemeine Gedanken

Die internationale Chorszene ist wie viele Bereiche des öffentlichen Lebens zum Stillstand gekommen und es wird noch eine ganze Weile dauern, bis für Chöre und Chorleitende ein normaler Proben- und Konzertbetrieb möglich sein wird. Derweil läuft nicht nur die Forschung an einem Impfstoff auf Hochtouren: Kein Tag vergeht, an dem nicht eine neue Studie zu SARS-CoV-2 und seinen Auswirkungen in den klassischen und sozialen Medien die Runde macht. Das ist gut und schlecht zugleich.

Zuerst der positive Aspekt: In Rekordzeit werden am Laufmeter neue Erkenntnisse aus der Forschung publiziert. Es wird getestet, reflektiert, debattiert, widerlegt, ergänzt und wieder neu publiziert. Courant normal im wissenschaftlichen Diskurs. Wir dürfen mehr als dankbar sein für die geleistete und noch zu leistende Arbeit der weltweiten Forschung. Die schlechte Nachricht: Unsere gesellschaftliche Teilhabe an diesem Prozess ist enorm wie nie. Die Widersprüchlichkeit, die in vielen Studien zutage tritt und zum jetzigen Stand der Forschung völlig normal ist, überfordert uns. Der Druck einer objektiven Meinungsbildung steigt mit jedem neuen Zeitungsartikel – nachvollziehbar, dass man denjenigen Bericht zitiert, der die eigene Meinung und die eigenen Wünsche untermauert. Zurück bleibt die allgemeine Frustration darüber, dass sich die Dinge einfach gerade widersprechen.

Schon als Chorleitende haben wir alle andere Vorstellungen und Methoden, vertreten sehr unterschiedliche Meinungen und „Wahrheiten“. Courant normal im musikalischen Diskurs. Aber wieviele von uns sind zugleich Fachleute für Bioaerosole oder Infektionsepidemiologie? Wie wahrscheinlich ist da jetzt ein konstruktiver Disput über Themen, von denen wir viel weniger Ahnung haben? Viele kennen das nicht druckreife Bonmot des Kabarettisten Dieter Nuhr: «Wenn man keine Ahnung hat […]» – ich versuche eine entspannte Paraphrase: Es ist in Ordnung, wenn man keine Meinung und auch keine Lösung hat. Es hat (noch) niemand eine.

Unser Motiv ist edel, keine Frage: Wir wollen alle unsere Normalität wiedererlangen und das – ich zitiere Bundesrat Alain Berset – so schnell wie möglich, so langsam wie nötig. Unsere Geduld mag allmählich zur Neige zu gehen; vielleicht ist es aber weiterhin sinnvoll, einen Schritt zurück zu bleiben, bevor wir (hoffentlich!) zwei Schritte vorwärts tun können.

Empfehlung: Proben und Konzerte frühestens ab Mitte August 2020

Wir empfehlen unseren Verbandsmitgliedern sowie weiteren Interessierten aus der Schweizer Chorszene, den Proben-/Konzertbetrieb bis zum Beginn des Schuljahrs 2020/2021 nicht wiederaufzunehmen (in der Nordwestschweiz enden die Sommerferien grossmehrheitlich am 9. August 2020). Folgende Überlegungen sind in diese Empfehlung eingeflossen:

  1. Risiko einer Luftübertragung weiter ungewiss. Neuere Studien zeigen, dass SARS-CoV-2 nicht nur über Tröpfchen, sondern auch über virustragende Luftpartikel (Bioaerosole) übertragen werden könnte. Diverse kleinere „Ausbrüche“ nach Choranlässen weisen auf direkte Zusammenhänge hin, sind aber nicht abschliessend geklärt. Bis Mitte August ist diesbzgl. mit grossen Fortschritten und Erkenntnisgewinnen in der Forschung zu rechnen, um das Risiko besser einschätzen zu können (z.B. für verbesserte und genauere Schutzkonzepte).
  2. Negative Berichterstattung geht vorbei. Anlässlich der oben genannten „Ausbrüche“ bei Choranlässen wurde das Chorsingen im Zusammenhang mit möglicher weiterer Virusverbreitung negativ energetisiert. Zu frühe Wiederaufnahmen von Choraktivitäten angesichts des jetzigen Wissensstands sind riskant, da weitere „Ausbrüche“ provoziert werden könnten. Die Chorszene könnte somit länger und verbreiteter in den Medien negativ thematisiert werden; ein nachhaltiger Imageschaden wäre nicht mehr auszuschliessen. Ohne verfrühte Aktivitäten verschwindet bestenfalls das Thema über die Sommerpause aus den Schlagzeilen und Chöre können unter mutmasslich besseren Bedingungen unbescholten wieder für positives Medienecho sorgen.
  3. Die Saison 2019/2020 ist nicht mehr zu retten. In den wenigen Wochen bis zur Sommerpause lässt sich nicht kompensieren, was seit Mitte März verunmöglicht wurde. Es ist sinnvoller, die verbleibende Zeit in die Planung der Konzertsaison resp. des Schuljahres 2020/2021 zu investieren; Vorbereitungsarbeiten dürften massiv aufwändiger ausfallen. Ein gemeinsamer Choranlass (z.B. ein Grillabend) als „Neustart“ ist im August vermutlich weniger riskant als im Juni.
  4. Grosser Erholungsbedarf bei Chorleitenden. Die finanzielle Not, in welche viele freischaffende Chorleitende geraten sind, ist hinlänglich bekannt. Dank virtueller Angebote (z.B. via Video-Conferencing-Apps) konnten zwar Argumente für eine Lohnfortzahlung vorgebracht werden; viele (technisch weniger versierte) Chorleitende wurden aber „ins kalte Wasser geworfen“. Digitale Hilfsmittel mussten innert kürzester Frist eingerichtet und erlernt werden, die Tätigkeit hat nur noch wenig mit Chorleitung zu tun. Ungeahnte Herausforderungen sozialer und musikalischer Interaktion im virtuellen Raum belasten die Chorleitenden zusätzlich, v.a. lange Bildschirmzeiten werden als energieraubender resp. ermüdender Stressfaktor genannt. Wir raten, mit arbeitgebenden Vereinen oder Institutionen eine früher beginnende Sommerpause zu erörtern, um einerseits die nach wie vor ungewisse Situation im Juni zu überbrücken und andererseits eine längere Erholungspause für besonders betroffene Chorleitende zu ermöglichen.

Dank an Medienschaffende und Chorleitende

Diverse Medienschaffende haben sich für unsere Aktivitäten seit Mitte März interessiert und darüber berichtet. Wir konnten zeigen, dass die Schweizer Chorszene mit kreativen und verantwortungsvollen Ideen die Situation zu bewältigen versucht. Der VChN sieht sich auch unter gelockerten Bedingungen verpflichtet, seinen kleinen Beitrag zu leisten zum gesamtgesellschaftlichen Effort, die Schäden der COVID-19-Pandemie minimal zu halten. Deshalb ermutigen wir mit unserer Empfehlung dazu, jetzt weiterhin defensiv zu agieren, um später nicht offensiv reagieren zu müssen.

Zum Schluss möchte ich meinen chorleitenden Kolleginnen und Kollegen herzlich danken für ihr riesiges Engagement in den vergangenen Wochen. Viele Chöre konnten dank unserer Online-Schulung im März einen virtuellen Minimalbetrieb für die wöchentlichen Proben aufrecht erhalten. Die Möglichkeit, sich sozial auszutauschen und kleinere musikalische Aktivitäten durchzuführen, stiess auf überwiegend positives Echo, auch wenn das Essenzielle – das gemeinsame Singen – schmerzlich vermisst wird.

Selbstverständlich steht es allen Chorleitenden frei, ungeachtet unserer Empfehlung einen schutzkonzeptkonformen Proben-/Konzertbetrieb wiederaufzunehmen. Wir verweisen dazu auf das branchenspezifische Schutzkonzept, das die Schweizerische Chorvereinigung (SCV) ausgearbeitet hat. Es liegt in der persönlichen Eigenverantwortung jedes Chormitglieds, eine Teilnahme an solchen Aktivitäten mit sich selbst und seinem Umfeld zu vereinbaren. Die behördlichen Vorgaben von Bund, Kanton und Gemeinde sind jederzeit strikt einzuhalten.

Wir wünschen allen Beteiligten weiterhin viel Erfolg bei der Bewältigung der Situation, gute Erholung in der Sommerpause und natürlich gute Gesundheit!

Mit musikalischen Grüssen

David Rossel, Präsident

Rossel David

Wohnort: Basel (BS) | Mitglied seit: 2016 | Chöre: Männerstimmen Basel, Vokalensemble Voices, Cäcilienchor Aesch, Vocalino Wettingen

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