Jahresbericht 2019

Liebe Kolleginnen und Kollegen

2019 geht als „Klimajahr“ in die Geschichte ein, die weltweite Klimajugendbewegung rund um Greta Thunberg hat dem vergangenen Jahr ihren Stempel aufgedrückt. Ich kam nicht umhin, mir immer wieder zu überlegen, wie wir als Musiker und Chorleitende im Speziellen einen Beitrag zum Thema Nachhaltigkeit und Umweltschutz leisten könnten. Können wir den Regenwald besser schützen, indem wir weniger Notenpapier zum Komponieren, Arrangieren und Musizieren verbrauchen und auf Tablets umsteigen? Oder ist deren (u.U. ausbeuterische) Herstellung angesichts der kurzen Lebensdauer nicht noch viel ressourcenverbrauchender, während sorgfältig behandelte Noten über Jahrzehnte, ja Jahrhunderte benützbar sind?

Ich probiere, den Aspekt der Nachhaltigkeit von der rein materiellen auf eine allgemeinere Ebene zu heben: Jedes Jahr schiessen neue Formationen, Projektchöre und Ensembles aus dem Boden, während das ewige Lamento der wegsterbenden Traditionschöre ohne Nachwuchs im Nichts verhallt. Zeitlich begrenzte Konzertprojekte bieten den Anreiz, ohne längerfristige Verbindlichkeit wo dabei zu sein. Ist das schon das chorische Symptom der Wegwerfgesellschaft oder ist es einfach effizientes Musizieren, geschicktes Einsetzen knapper Zeitressourcen? Gefühlt jedes neue Mitglied in der Chorleitungszunft gründet sein eigenes Projekt, seinen eigenen Chor. War das nicht immer schon so? Wann überfordern wir unser Publikum mit sich häufenden Konzertterminen? Alleine im Spätsommer dieses und nächstes Jahr sind junge und ganz neue Chorveranstaltungen innert kürzester Zeit geplant: Ein neues Chorfestival in Riehen, eine Basler Chornacht, ein Tag der lebendigen Tradition mit Schwerpunkt Gesang, ein Tag der Chormusik in Muttenz, etliche regionale Gesangsfeste – alle unter Eurer federführenden Beteiligung. Terminkollisionen und Interessenskonflikte sind vorprogrammiert. Haben wir untereinander ein Kommunikationsproblem? Oder gibt es sowas wie kulturelles Überangebot gar nicht? Selbstverwirklichende Ichbezogenheit oder blühende Diversität unserer heutigen Chorszene?

Bevor ich mich ganz im Fragenmeer provokanter Parolen verliere, gestehe ich zunächst: Ich habe fast nie in einem Projektchor mitgesungen, der langfristige soziale Aspekt griff für mich stets zu kurz; dieses trägt aber aus meinen Erfahrungen ganz entscheidend zum inneren „Vibe“ in einem Chor bei, der auch auf der Konzertbühne sicht- und spürbar ist. Das war während meiner 15-jährigen Jugendchorzeit so und setzt sich heute bei meinen jungen Erwachsenenchören, die ich leite, fort: Die gewachsene Stimmung ist unvergleichlich und wöchentliches Proben trägt dazu bei, aber in dieser Altersklasse ist das heutzutage doch eher selten. Bestimmt gibt es auch viele unter Euch, die aus ihren Erfahrungen in Projektchören schildern könnten, wie ein solcher „Vibe“ dort zustandekommt!

Hier tritt unser Verband auf den Plan: Wir werden dieses Jahr erstmals mehr als 80 Mitglieder unter unserem Dach vereinigen. Unser Weiterbildungstag Ende Januar 2019 hat eindrücklich gezeigt, wie wichtig und schön es ist, wenn wir Chorleitende projektweise einfach mal das tun, was wir häufig als Einzelmaske von unserem „Instrument“ kennen: Sich austauschen, vernetzen, essen, trinken, nach vorne schauen, zuhören, Noten richtig halten, Sprüche klopfen, gemeinsam singen. Also alles Dinge, die wir alltäglich mit unseren Chören erleben, aber eigentlich nie als Chorleitende im Verbund tun. Einen derart fruchtbaren Boden müssen wir für gemeinsame Ideen und Initiativen nutzen, aber auch für Absprachen, um Überschneidungen allzu nahe beieinander liegender Veranstaltungen (zeitlich wie inhaltlich) zu vermeiden.

Mit Ēriks Ešenvalds konnten wir einen „Weltstar“ der Chorwelt als Magnet benutzen, um immerhin knapp die Hälfte von Euch zusammenzukriegen. Im laufenden Jahr feiert unser Verband sein 85-jähriges Bestehen; vielleicht schaffen wir es, noch mehr Mitglieder anlässlich des Jubiläumskonzerts am 8. November 2020 zu vereinigen, wenn diese sich auf der öffentlichen Konzertbühne präsentieren…? Wir nehmen immer noch gerne Anmeldungen entgegen!

Eine andere Möglichkeit, sich laufend auszutauschen und in regem Kontakt zu bleiben, bietet unsere neue Website: In langer und geduldiger Arbeit hat sich unser Sekretär Timon Eiche ihr angenommen und mit unseren früheren Vorstandskollegen Rolf Herter und Jürg Siegrist einen Blog ins Leben gerufen, wo Ihr Euch mit Beiträgen aus Eurem Alltag äussern und untereinander austauschen könnt. Ich rufe dazu auf, diesen Blog intensiv zu nutzen und Euch selber aktiv einzubringen. Jede(r) kann mitmachen, jeder noch so kleine Beitrag belebt den Blog und bereichert unser Verbandsleben! Besonders würde ich persönlich mich z.B. über einen Erfahrungsbericht zum Thema Projektchor freuen: Überzeugt mich von Euren Konzepten und lasst uns untereinander dazu anregen, unsere Horizonte immer wieder zu erweitern!

Bis zum heutigen Tag haben wir sieben Aufnahmegesuche erhalten; wir werden diese an der kommenden GV vorstellen. Austrittsschreiben haben wir zwar keine erhalten, jedoch bedauern wir den vorzeitigen Rücktritt von Abélia Nordmann aus dem Vorstand; sie wird ihren Wirkungsbereich vermehrt ausserhalb der Region legen, weshalb wir ihren Platz im Vorstand per GV 2020 neu besetzen müssen – noch besser wäre es allerdings, wenn wir 2 neue Vorstandsmitglieder willkommen heissen könnten! Namentlich Timon Eiche wäre in seiner momentanen Doppelfunktion als Sekretär und Website-/Blogbetreuer sehr dankbar für Unterstützung aus Euren Reihen!

Nun freue ich mich aufs erneute gemeinsame Singen im VChN-Jubiläumschor kommenden Herbst und hoffe, Euch alle dort wiederzusehen!

David Rossel, Präsident

 

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