Abseits der Bühne: Musizieren während der Pandemie

Von Walter Bitner – aus dem Englischen übersetzt von Christian Schmitt

Dies sind unsichere Zeiten. Die aktuelle COVID-19 Pandemie hat das Leben aller durcheinander gebracht, und es steht uns eine Zeit bevor, in welcher vieles von dem, was wir regelmässig taten, unsere täglichen und wöchentlichen Routinen, beeinträchtigt sind.

Für Chorsänger und Chorleiter bedeutet dies, dass Unterricht, Proben, Aufführungen und Gottesdienste abgesagt wurden, wie auch alle anderen Aktivitäten in unserem Leben, bei denen man sich zum Musizieren traf. Diese sozialen Aktivitäten, welche jetzt ausbleiben, sind in vielen Fällen der Grund, warum wir uns überhaupt mit Musik beschäftigen – das Musizieren mit anderen ist eine Art Lebensader, eine Möglichkeit, um uns nicht nur mit anderen und der Welt zu verbinden, sondern auch mit den tiefsten, inneren Bestandteilen unseres Selbst.

Trotz allem. Dirigenten und Lehrpersonen haben viele Verpflichtungen ausserhalb des Klassenzimmers oder der Probe, und administrative Aufgaben sind zwar notwendig, aber führen uns schon weg von der Lebensader des Musizierens. Es wäre leicht verständlich, wenn diese Änderungen der Routine, der Verlust des regelmässigen gemeinsamen Musizierens, und die Anforderung an uns, alternative Strategien zur Bewältigung der kommenden Wochen und Monate zu entwickeln, unsere tägliche Beschäftigung mit aktivem Musizieren ganz zurückdrängten. Befolgen Sie alle sinnvollen Empfehlungen, um auf sich und Ihre Angehörigen aufzupassen, achten Sie auf Social Distancing, und befolgen Sie die offiziellen Empfehlungen für eine effektive Hygiene. Aber, wenn irgendwie möglich, suchen Sie sich Möglichkeiten, um täglich zu musizieren oder, falls nötig, Musik zu erfinden.

Musik ist im grossen Ganzen eine soziale Kunst, und insbesondere die Chormusik könnte die sozialste Form von musikalischem Ausdruck sein. Da uns das gemeinsame Singen zurzeit vorenthalten bleibt, wäre es für viele von uns leicht, ganz mit dem Musizieren aufzuhören. Es ist auch kein Ersatz, sich Aufnahmen anzuhören. Reservieren Sie sich jeden Tag etwas Zeit, um einfach etwas zu musizieren – und tun sie es. Letztlich spielt es keine Rolle, wie – täglich auf irgendeine Art Musik zu machen wird ihnen helfen, ihre Ausgeglichenheit zu erhalten und ihre Lebensader zu bewahren. Wenn Sie gewohnt sind, jeden Tag Musik zu machen, und dann hören Sie plötzlich damit auf, wird es nicht lange dauern, bis Sie sich unausgeglichen fühlen. Falls Sie ein Instrument spielen, – und viele, oder sogar die meisten Chorleitenden machen das – nehmen Sie sich täglich Zeit dafür. Nehmen Sie sich Zeit, um ans Klavier zu sitzen, oder an die Orgel, ans Cembalo; nehmen Sie die Geige, das Cello, die Gitarre (Laute in meinem Fall) hervor, und spielen Sie darauf, jeden Tag. Sogar eine Halbe Stunde täglich wird weit reichen, aber, wenn möglich, spielen Sie eine Stunde oder mehr, um richtig einzutauchen. Befassen Sie sich mit dem Chorrepertoire, an dem Sie mit ihren Chören für den nächsten Auftritt proben, oder mit Stücken, die Sie für die Zukunft planen. Wählen Sie ein Stück, welches Sie schon lange einmal lernen wollten, und machen Sie ein Projekt daraus, oder spielen Sie ihr altbekanntes Repertoire durch.

Ich bitte Sie dringend, genügend Zeit ins tägliche Musizieren zu investieren, damit sich Ihre Gedanken, Gefühle und Ihr Körper wenigstens für eine kurze Zeit ganz darin vertiefen können – in anderen Worten, geben sie ihrem Tun die vollkommene Aufmerksamkeit. Falls Ihnen die Routine auf einem Instrument fehlt, um täglich damit zu musizieren, dann singen Sie. Gehen Sie allein in ein Zimmer und singen Sie täglich eine halbe Stunde oder mehr – tun Sie, was möglich ist, um ihre Sorgen für einen Augenblick beiseite zu legen, und tauchen Sie einfach ein ins Musikmachen. Diese Konzentration – das Eintauchen – ins Musizieren hat Sie in ihrem Leben schon so oft unterstützt. Geben Sie jetzt nicht auf, sogar dann, wenn gemeinsames Musizieren als soziale Aktivität eine Zeit lang ausbleibt.

Und eine zusätzliche Sache: Dehnen Sie, jeden Tag. Genau, dehnen. Wenn Sie sind wie ich (und ich weiss, dass sie das sind), beginnen Sie jede Probe mit ein paar Dehnübungen und stimmlichen Aufwärmübungen. Ich war Schulchorleiter während Jahrzehnten und habe jede Probe auf diese Art begonnen – normalerweise mehrmals täglich. Als ich vor ein paar Jahren mit dem Unterrichten aufhörte, um Orchestermanager zu werden, brauchte ich eine Weile, bis ich bemerkte, dass ich meine gewohnten Dehnübungen, die aus den Chorproben, weiter pflegen musste – vielleicht sogar noch mehr, als ich es tat, um die täglichen Proben zu leiten. Nun mache ich diese Stretching-Routine quasi religiös jeden Morgen, und häufig nochmals am Nachmittag oder Abend. Es hat einen wahrhaft positiven Einfluss darauf, wie ich mich fühle. Und das wird es für Sie auch.

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